Slowakei
Auf den Spuren von Burgen, Schlössern und adeligen Geschichten
Wenn von einem Adelssitz die Rede ist, denken die meisten an Türme, große Säle, Familienwappen und Porträts längst verstorbener Besitzer. Doch der Adel hinterließ in der Slowakei weit mehr als eindrucksvolle Bauwerke. Die Familien, die hier jahrhundertelang lebten, prägten Städte und Dörfer, legten Parks an, errichteten Kapellen, sammelten Bibliotheken und Kunstwerke, bauten Wein an und verwalteten weitläufige Güter. Ihre Spuren sind unmittelbar in die Landschaft eingeschrieben geblieben.
Deshalb lohnt es sich, Burgen und Schlösser nicht nur als Sehenswürdigkeiten für einen Tagesausflug zu betrachten. Viel spannender ist es, nach den Menschen zu suchen, die dort lebten, nach den Entscheidungen, die hier getroffen wurden, und nach den Geschichten, die weit über ihre Mauern hinaus weitergingen. In der Slowakei gibt es Orte, an denen man sich dieser Vergangenheit nicht nur während einer einstündigen Führung nähern muss. In manchen historischen Residenzen kann man zu Abend essen, abends durch den Park spazieren und schließlich dort auch übernachten.
Wenn der Name einer Familie in der Landschaft eingeschrieben bleibt
Die Slowakei zählt mehr als hundert Burgen, Burgruinen und Schlösser sowie mindestens doppelt so viele Herrenhäuser. Hinter vielen von ihnen stehen Namen, die sich über Regionen und Epochen hinweg wiederholen. Die Familien Pálffy, Zichy, Majláth, Kubínyi und andere Adelsgeschlechter besaßen nicht nur ein einziges Gebäude. Ihre Güter umfassten Dörfer, Wälder, Felder, Weinberge und Wirtschaftsgebäude, und ihr Wirken prägte das Leben der gesamten Umgebung.
Die Zeugnisse dieser Ära muss man daher nicht nur in den repräsentativen Prunkräumen suchen. Manchmal entdeckt man sie in der Allee, die zum Schloss führt, in einem alten Weinkeller, einer Familiengruft oder in einem Park, dessen Anlage vor mehr als hundert Jahren entstand. An anderer Stelle ist das wertvollste Zeugnis eine Gemälde- oder Kunstsammlung, die verrät, wofür sich die einstigen Besitzer interessierten und mit welcher Welt sie verbunden waren.
Solche Details verändern die Art, wie wir eine historische Residenz wahrnehmen. Sie ist dann nicht mehr nur schöne Architektur, sondern ein Ort, an dem man die Geschichte einer bestimmten Familie, und zugleich der Region, in der sie lebte, lesen kann.
Vier Stationen, vier adelige Geschichten
Gemeinsam mit der nationalen Tourismusorganisation SLOVAKIA TRAVEL haben wir vier Orte ausgewählt, die zeigen, wie unterschiedlich adelige Geschichten in der Slowakei sein können.
In Pezinok ist das heutige Šimák Zámok Pezinok aus einer ursprünglichen Wasserburg hervorgegangen, und seine Geschichte ist mit mehreren bedeutenden Familien verbunden. Die deutlichste Spur hinterließ die Familie Pálffy, die die Burg allmählich in einen repräsentativen Schlosssitz verwandelte. Graf János Pálffy zählte zu den bedeutenden Kunstsammlern seiner Zeit und sah in seinem Testament vor, seine Sammlungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Heute können Besucher durch die restaurierten Pálffy-Appartements spazieren, die anhand alter Fotografien und historischer Unterlagen eingerichtet wurden. Zum Areal gehört auch das Palace Art Hotel, sodass man die Geschichte nach der Besichtigung nicht einfach verlassen muss. Man kann etwas länger in ihr bleiben.
In der Orava-Region erzählt Kaštieľ Kubínyi die Geschichte eines Adelsgeschlechts, das zu den bedeutendsten der Region zählte. Beňadik Kubínyi ließ das ursprüngliche Renaissance-Herrenhaus in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts errichten, und im 18. Jahrhundert bauten es Jozef Kubínyi und seine Frau Amália de Adda umfassend um. Aus dieser Zeit stammen die charakteristischen zwiebelförmigen Türme sowie die kostbaren Deckengemälde. Die Wappen der Familien Kubínyi und de Adda erinnern bis heute an die Menschen, die den Sitz geprägt haben. Wer auf der Suche nach der Geschichte der Orava weiterreisen möchte, findet in der Nähe die Burg Orava, einen der eindrucksvollsten Burgkomplexe der Slowakei.
In Gbeľany wechselten die Besitzer des Guts im Laufe der Jahrhunderte mehrfach, und mit ihnen veränderten sich auch das Schloss selbst und seine Umgebung. Zu den Eigentümern zählten die Familien Szerényi, Nyári, Zichy und Majláth. Graf Ferdinand Majláth machte sich in der Zwischenkriegszeit an die Erneuerung der Gebäude und des Guts, doch sein Leben endete plötzlich im Alter von nur 38 Jahren; er ist in einem Grabhügel im nahegelegenen Wäldchen Dielec begraben. Auch der Park rund um das heutige Château Gbeľany ist ein Zeugnis des einstigen Lebens auf dem Gut. Alte Karten zeigen seine sich wandelnde Gliederung, ebenso einen Obst- und Nutzgarten sowie ein Bienenhaus, das auf dem Gut einst hoch geschätzt wurde.
Und schließlich Belá im Süden der Slowakei, wo die Geschichte eines Adelssitzes nicht in der Vergangenheit endet, sondern sich in einer fast filmreifen Rückkehr einer Familie fortsetzt. Château Bela ging durch die Hände mehrerer Besitzer. Im 19. Jahrhundert erweiterte es Antal Baldacci um einen Park, einen Wassergraben und weitere Elemente und ließ für die Innenräume Kunstgegenstände aus Asien herbeischaffen. Später ging das Schloss an die Familie Ullmann über. Nach 1945 musste die Familie das Anwesen verlassen, und es diente in den folgenden Jahrzehnten Zwecken, die es in einen sehr schlechten Zustand brachten. Zu Beginn des neuen Jahrtausends entschied sich jedoch Ilona von Krockow, die Enkelin des letzten Besitzers, das Schloss zurückzukaufen und zu restaurieren. Im Jahr 2008 eröffnete es als Hotel. Es ist also nicht nur eine Geschichte des alten Adels, sondern auch eine Geschichte der Rückkehr, der Erneuerung und des fortlebenden Familiengedächtnisses.
Geschichte endet nicht am Schlosstor
Das Interessante an diesen Orten ist gerade, dass ihre Geschichten über die eigenen Mauern hinaus weitergehen. In der Kleinen Karpaten kann man den Spuren der Familie Pálffy durch mehrere Residenzen und Weinbaustädtchen folgen, von Vyšný Kubín aus weiter zur Burg Orava reisen und von Gbeľany aus nach Strečno oder zu weiteren Sehenswürdigkeiten der nördlichen Slowakei aufbrechen.
So entsteht eine ganz andere Art des Reisens durch die Geschichte. Statt eines einzelnen, isolierten Denkmals beginnt man, die gesamte Region als ein Netz von Orten wahrzunehmen, zwischen denen einst Besitz-, Familien-, Wirtschafts- und gesellschaftliche Beziehungen bestanden.
Schließlich entstanden auch viele Wege, Parks, Weinberge und Wirtschaftsgebäude, die wir heute als selbstverständlichen Teil der Landschaft betrachten, einst als Bestandteil konkreter Güter. Kennt man ihre Geschichte, hört die Landschaft rund um eine Burg oder ein Schloss auf, bloße Kulisse zu sein.
Wenn man nach Schließung in einer historischen Residenz bleibt
Der Besuch eines Museums hat einen Anfang und ein Ende. Die Türen schließen, und der Besucher geht. Ein historisches Hotel bietet eine etwas andere Erfahrung. In den Raum, dessen Geschichte man tagsüber erkundet hat, kehrt man abends als Gast zurück.
Genau darin liegt die besondere Stellung der Mitglieder des Verbands Historische Hotels der Slowakei. Sie bewahren ihre Schlösser, Burgen und historischen Gebäude nicht nur als Denkmäler, sondern geben ihnen eine gegenwärtige Funktion. In einstigen Salons treffen sich wieder Menschen, in den Kellern wird Wein verkostet, Gäste spazieren durch die Parks, und in Räumen, die einst private Residenzen waren, geht das Alltagsleben weiter.
Ein Aufenthalt kann so zum Ausgangspunkt einer ganzen Reise auf den Spuren eines bestimmten Geschlechts oder einer Region werden. Morgens bricht man zu einer Burg auf, tagsüber besucht man ein Museum oder eine historische Stadt, und abends kehrt man in das Schloss zurück, dessen eigene Geschichte dem Puzzle ein weiteres Kapitel hinzufügt. Geschichte spielt sich dadurch nicht nur während der Führung ab, sondern begleitet den ganzen Aufenthalt.
Die Slowakei als große historische Landkarte
Burgen auf Felsen, Schlösser in Tälern, Stadtpaläste, alte Herrenhäuser und weitläufige Parks bilden gemeinsam ein Netz von Orten in der ganzen Slowakei, an denen sich Jahrhunderte politischer Veränderungen, familiärer Bündnisse, wirtschaftlichen Aufschwungs und Niedergangs verfolgen lassen. SLOVAKIA TRAVEL führt in der Slowakei mehr als hundert Burgen, Burgruinen und Schlösser sowie mindestens doppelt so viele Herrenhäuser. Hinter dieser Zahl verbergen sich jedoch Hunderte konkrete menschliche Geschichten.
Manche erzählen von Macht und Reichtum, andere von Diplomatie, Sammelleidenschaft oder Gelehrsamkeit. Wieder andere handeln von Kriegen, Verstaatlichung, Verfall, und schließlich von den Menschen, die sich entschieden, die historischen Residenzen zu retten und ihnen neues Leben einzuhauchen. Gerade diese Vielfalt macht das Reisen zu den slowakischen Burgen und Schlössern zu weit mehr als der Besichtigung schöner Architektur.
Viele der Orte, an denen sich diese Geschichten auch heute noch erleben lassen, gehören zum Verband Historische Hotels der Slowakei. Von Schlosshotels und Herrenhäusern bis hin zu historischen Residenzen inmitten von Parks und Weinbauregionen bieten sie die Möglichkeit, Geschichte nicht nur zu entdecken, sondern in ihr zu verweilen und ihre Authentizität etwas länger zu genießen.
Entdecken Sie gemeinsam mit der nationalen Tourismusorganisation SLOVAKIA TRAVEL die Slowakei auf den Spuren der Geschlechter, die hier ihre Residenzen, Sammlungen, Parks und Geschichten hinterließen. Vielleicht stellen Sie fest, dass die spannendste Geschichte nicht mit einem Datum auf einer Infotafel beginnt, sondern mit einer Frage: Wer hat einst hinter diesen Mauern gelebt?

